27.06.

Salzburg 20.16

Eine herzzerreißende Prozession an der Grenze.

Die Oberndorfer Kunstinitiative Kreisverkehr geht im Jubiläums- und Gedenkjahr 2016 an die Grenzen.

Ausgangspunkt für die erste Intervention in geteilten Städten war am Sonntag, 26. Juni, die mittlerweile wieder offene Grenze zwischen Oberndorf und Laufen, also direkt vor der Haustüre. Die Aktion „Herz-Zeigen“ im Rahmen des Historischen Marktfestes bannte die Besucher mit bildhaften Emotionen.

Es braucht nur wenig Fantasie, um in der historischen Landkarte vom Rupertiwinkel und dem nördlichen Flachgau ein Herz zu erkennen. Dem mittlerweile in Wels wirkenden Künstler Günter Hartl ist dieses Faktum zuerst aufgefallen, kein Wunder: „Jede künstlerische Umsetzung bedingt für mich tiefgehende Recherche“, beschreibt Ideengeber Hartl seinen Zugang. Er hat danach schnell erkannt, dass ein solch vielschichtig aufgeladenes Motiv ideal ist für eine Intervention im Rahmen des Historischen Marktfestes von Laufen und Oberndorf, bei dem der willkürlichen Teilung des Ortes vor 200 Jahren gedacht wurde.

Und das Herz wirkt. Kaum treten die Protagonisten mit dem überdimensionalen Objekt aus dem Alten Rathaus in Laufen, ziehen sie schon alle Blicke auf sich. Auf dem rund einen Quadratmeter großen Herzen ist die historische Landkarte abgebildet – unverkennbar, wie die Kommentare der Passanten zeigen, denen vor allem der markante Knick der Salzach ins Auge sticht. Der Fluss zieht sich quer durchs Herz und trennt die ehemals zusammengehörige Region heute in zwei verschiedene Nationalitäten. Das Herz hängt bei der Prozession hoch über den Köpfen der Passanten an zwei Flößerstangen, die in den entsprechenden Landesfarben bemalt sind.

Der erste Weg führt zur Mitte der Länderbrücke. Dort bildet sich schnell ein Stau, die Besucher des Marktfestes zücken Fotoapparate und Handys, während die Protagonisten an ihren T-Shirts mit den aufgedruckten Landkarten-Herzen einen Reißverschluss öffnen, der genau entlang der Salzach angebracht ist. Man merkt wie diese offene Wunde die Einheimischen berührt, noch mehr als Elisabeth Junger-Rebol sich das große Herz vornimmt und dieses entlang der Salzach zerreißt. Steffen Rubach, Geschäftsführer der EuRegio, ist vor Ort und sagt dazu: „Ein tolle Idee, um die willkürliche und schmerzhafte Trennung einer zusammengehörigen Region darzustellen.“

Daraufhin teilt sich die Prozession, um den langen getrennten Weg zur Europasteg auf der jeweiligen Seite ihres Landes zurückzulegen. Nun hat auch Initiator Thomas Stadler von der Kunstinitiative Kreisverkehr etwas Zeit, um über die Hintergründe des Projekts „Geteilte Städte – An die Grenzen gehen“ zu informieren, zu dem die Aktion „Herz-Zeigen“ den öffentlichen Auftakt bildet. Zuvor war er im dichten Gedränge stets gefordert, die vielen Fragen der Besucher zu beantworten. „Oberndorf und Laufen sind der neuralgische Punkt des heurigen Jubiläums- und hierorts vor allem Gedenkjahres. Diese vor 200 Jahren geteilte Stadt ist für uns der Ausgangspunkt, um an willkürlich gezogene Grenzen zu gehen“, erklärt Stadler.

In den nächsten Monaten besuchen deshalb Mitglieder der Initiative ehemals und immer noch geteilte Städte wie Berlin, Linz, Nikosia, Belfast oder Jerusalem um dort Interventionen zu setzen. Besonderes Interesse hat Stadler aber an den kleineren Städten Laufenberg und Görlitz, die ebenso wie Oberndorf und Laufen zu den Kollateralschäden des Wiener Kongresses und der nachfolgenden Verträge zählen. Natürlich werden die jeweils auf den Ort bezogenen Aktionen mit Videos und Fotos dokumentiert. Zu sehen sein werden diese Interventionen im Herbst sowohl in Laufen und Oberndorf als auch in der Stadt Salzburg.

Schließlich treffen sich die beiden Gruppen auf dem Europasteg und es kommt zur langersehnten Wiederzusammenführung des Herzens – die Wunden auf der Brust sind nun auch geheilt. Mitinitiator Stefan Feiler, Kulturamtsleiter in Laufen, beschreibt seinen Eindruck: „Man kann die Wiederzusammenführung von zwei Regionen nicht besser symbolisieren als mit dieser Aktion. Zum Zusammenwachsen gehört auf beiden Seiten eine Menge Herz und vor allem Offenherzigkeit. Der Reißverschluss macht deutlich, dass solche Grenzen nach Belieben jederzeit schnell geöffnet und geschlossen werden können.“ Zum Abschluss führt der gemeinsame Wege mitten in die Feierlichkeiten des grenzüberschreitenden Marktfestes – mit offenem Ende.

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