Stille Nacht! Heilige Nacht!

Immaterielles Kulturerbe – eine mitreißende Botschaft aus Salzburg an die Welt

(c) Salzburg Land Tourismus
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Im Jahr 1816 schrieb der junge Hilfspfarrer Joseph Mohr im Lungauer Dorf Mariapfarr ein inniges Gedicht zur Geburt Christi – vorerst einmal für die Schublade ...

Dass seine schlichten, poetischen Worte, die sein Freund Franz Gruber wenig später vertonte, noch 200 Jahre später an den Weihnachtstagen von Millionen Menschen weltweit gesungen werden – in den kleinsten Kapellen wie in den großartigsten Kathedralen –, hätte er sich wohl nie träumen lassen.

Zur spontanen Uraufführung des Liedes der Lieder am Weihnachtsabend 1818 – Mohr spielte die Gitarre und sang Tenorstimme, während Gruber den Bass übernahm und den Chor dirigierte – erzählt man sich romantische Legenden. Eine davon besagt, dass die Orgel in Oberndorf, wo Mohr seit 1817 in Diensten stand, wegen ihres schlechten Zustands nicht mehr bespielbar war, den Kirchenbesuchern, darunter vielen Flussschiffern in ihrer existentiell gefährdeten Situation aber mit tröstlicher Musik in der Christmette Mut gemacht werden sollte. Denn tatsächlich entstand das Lied vor historischem Hintergrund sehr schwerer Zeiten: Die Salzach, über Jahrhunderte Weg des Salztransports, war durch Neuordnungen nach dem Wiener Kongress zur Staatsgrenze geworden – die Schifffahrt und damit das wirtschaftliche Wohlergehen der ganzen Gegend gingen einem höchst unsicheren Schicksal entgegen.

Die Entstehungsgeschichte der berühmten Weise wurde von den Historikern präzise aufgearbeitet und verdankt sich direkten Quellen, den Aufzeichnungen des Komponisten Conrad Franz Xaver Gruber und des Textautors Joseph Mohr, die einander ergänzen und bestätigen. In einem dieser beiden Dokumente mit Namen Authentische Veranlassung schildert Gruber handschriftlich die Geburt der Melodie:

„Es war am 24. Dezember 1818, als der damalige Hilfspriester Herr Joseph Mohr bei der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf dem Organistendienst vertretenden Franz Gruber (damals zugleich auch Schullehrer in Arnsdorf) ein Gedicht überreichte, mit dem Ansuchen eine hierauf passende Melodie für 2 Solostimmen sammt Chor und für eine Guitarre-Begleitung schreiben zu wollen.“

Anmerkungen im ältesten erhaltenen Autograph von Mohr – 1995 erst aufgefunden – entsprechen dieser Darstellung.

Lappländisch, Sorbisch, Rätoromanisch, Friesisch, Ladentisch, Walisisch...

Kulturerbe bedeutet mehr als Baudenkmäler oder Sammlungen bildender Kunst. 2011 wurden Text und Melodie von Stille Nacht als Inbegriff des Weihnachtsliedes in die UNESCO-Liste traditioneller, gelebter Kostbarkeiten der Republik Österreich aufgenommen.

Die Forschung neigt heute zu der Ansicht, dass der als volksnah beschriebene idealistische Joseph Mohr seinen Oberndorfern zu Weihnachten ein Lied in ihrer Sprache geben wollte, das sie im Gegensatz zur damals üblichen lateinischen Liturgie verstehen konnten. Ihren spektakulären Weg zu gigantischer Öffentlichkeit fanden die sanften Töne und die einfachen, still jubelnd zu Herzen gehenden Verse zur Huldigung des Gotteskindes schon bald über Tirol in die Länder Europas. Der Zillertaler Orgelbaumeister Karl Mauracher, der 1825 in Oberndorf ein neues Instrument installierte, „exportierte“ das Stück ins Zillertal, bereits zur Jahrhundertwende war es von reisenden Musikern auf allen Kontinenten verbreitet. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der das Lied besonders liebte, ist es zu verdanken, dass die Autoren heute noch bekannt sind, in seinem Auftrag stellte man über das Stift St. Peter 1854 Nachforschungen an. Das Werk wurde seither in über 300 Sprachen und Dialekte übersetzt, zum Thema sind Bücher und Filme sowie zahlreiche Dokumentationen entstanden. Im Land Salzburg erinnern mehrere mit Leben und Wirken von Joseph Mohr und Franz Gruber verknüpfte Gedenkstätten an den Siegeszug der Gedanken von Freude und Frieden in einem so andächtigen wie genialen Moment.

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