22.10

bis

26.10

Idylle mit Schatten
(c) Archiv Mattsee: Markterhebung Mattsee 1935 - Festgäste unter Kruckenkreuz

Idylle mit Schatten

Mattsee als Sommerfrische der braunen Elite

Eine zeithistorische Aufarbeitung unter besonderer Berücksichtigung der 1930er- und 1940er-Jahre von Siegfried Hetz.

Als idyllischer Ort wurde Mattsee bereits in der Spätromantik beschrieben, als der Aufenthalt an landschaftlich reizvollen Orten in Mode gekommen war. In der Gründerzeit wurde der alte Stiftsort zur beliebten Sommerfrische des Wiener, Linzer und Salzburger Bürgertums, das anfänglich noch eher liberal-freisinnig eingestellt war, aber schon früh deutsch-nationale Tendenzen zeigte.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung des Bundeslandes Salzburg versuchte Mattsee an die Sommerfrische-Zeit vor dem Krieg anzuknüpfen. Jetzt allerdings mit der besonderen Note der „judenfreien Sommerfrische“. Der Komponist Arnold Schoenberg war 1922 eines der ersten Opfer antisemitischer Hetze. Im selben Jahr, als Schoenberg vertrieben wurde, kam Franz Hueber als Notar nach Mattsee. Er war mit einer Schwester von Hermann Göring verheiratet. Arthur Seyß-Inquart, der im März 1938 eine maßgebliche Rolle beim Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich spielte, verbrachte seit den frühen 1920er-Jahren die Sommerferien in Mattsee.

In der „Deutschen Gemeinschaft“, einem antisozialistischen und antisemitischen Geheimbund lernte er auch Engelbert Dollfuß und Oskar Menghin kennen. Dollfuß wohnte wie auch Schuschnigg, wenn sie in Mattsee waren, in der Villa Hinterstoisser, dem heutigen Ruhesitz der emeritierten Salzburger Erzbischöfe. Der Historiker Oskar Menghin – auch ein Mattseer Sommerfrischler – wurde von Seyß-Inquart neben Franz Hueber in dessen Übergangskabinett nach dem Rücktritt Schuschniggs berufen. Als die faschistische ungarische Pfeilkreuzler-Regierung mit Ferenc Szálasi an der Spitze auf der Flucht vor der russischen Armee in Mattsee gelandet ist, war dies keinesfalls nur dem Zufall geschuldet. Zeitgleich mit Szálasi kamen auch die Kronwächter mit dem ungarischen Kronschatz samt Stephanskrone nach Mattsee. Auch Hans von Greifenberg, der Befehlshaber der deutschen Wehrmacht für Ungarn, ist kurz vor Ende des Krieges auf dem Zellhof gestrandet, der um diese Zeit an den Orden der Herz-Jesu-Missionare verpachtet gewesen ist.

Der Mattseer Stiftskanoniker Leonhard Steinwender wurde am 12. März 1938 in Gestapo-Schutzhaft genommen und kam im November 1938 ins KZ Buchenwald. Nach seiner Entlassung 1940 bekam er Gau-Verbot. Der Priester Heinrich Summereder war in Mattsee Kooperator, als er im Oktober 1938 von der Gestapo verhaftet wurde. Er ist 1943 im KZ Dachau verstorben. Ergänzend sei noch hinzugefügt, dass Mattsee 1935, im ersten Jahr von Ständestaat und Austrofaschismus zum Markt erhoben wurde.  

nach
oben